Trittin und Anshu Jain: Kuschel-Kritiker trifft netten Banker

Bringt sich in Position für das Amt des Finanzministers: Jürgen Trittin [© Dirk Vorderstraße]

Bei der gestrigen Veranstaltung der Grünen Bundestagsfraktion „Boring Banking: Vom Bankbeamten zum Investmentbanker – und zurück?“ hatte die grüne Partei hohen Besuch geladen, unter anderem Anshu Jain, Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Nun ist die grüne Bundestagsfraktion in der Vergangenheit nicht gerade durch progressive oder systemkritische Abstimmungen oder Kommentare aufgefallen (siehe u.a. Fiskalpakt/ESM) und überrascht auch hier nicht mit einer unbedingt grundlegend kritischen Haltung gegenüber dem Banken- und Finanzsektor.Da wird von einer Erhöhung der Eigenkapitalquote gesprochen, die Deutsche Bank sei zu groß („too big to fail“), der Finanzmarkt müsse stärker reguliert und die Geschäfte transparenter sein, usw. Alles richtig, alles gut. Und doch ist es viel zu wenig, viel zu brav. Die Wirtschaftswoche schreibt dazu: „Jürgen Trittin gibt sich bei seinem Einführungsvortrag auffällig nüchtern. Kein Wort über die Gier der Bonibanker oder die Spekulation mit Nahrungsmitteln. Stattdessen führt der Politiker aus, warum die Deregulierung der Finanzmärkte ein großer Fehler war. Der bisher nur unzureichend korrigiert worden ist.“ und in der Frankfurter Rundschau ist sogar zu lesen: „Es ist gar nicht mehr so, dass zwei Welten aufeinanderprallen“, sagt ein Banker zu einem anderen Banker während der Lunchpause.“

Skrupellos im Geld verdienen und gerade auf Image-Tour: Deutsche Bank-Co-Chef Anshu Jain [© World Economic Forum, wikipedia.org]

Trittin scheint sich in einer Mischung aus Kuschel-Kritik und Partnergehabe der Finanzwelt anbieten zu wollen. Er möchte zeigen, dass er als möglicher zukünftiger Finanzminister kein Schreckgespenst ist und die Finanzbranche keine Angst zu haben braucht. Respekt vielleicht, aber keine Angst. Anshu Jain nimmt dieses Angebot gerne an und präsentiert sich mit der grünen Bundestagsfraktion im Rücken in einem ganz neuen Licht. Die Welt dazu: „So wird die Debatte in dem Saal voller Anzugträger schnell doch zu so etwas wie einem Heimspiel für Anshu Jain. Regulierungsdebatten hat er in den vergangenen Monaten zigfach geführt. Er absolviert sie mit einer Mischung aus Demut, Verweis auf bisherige Erfolge – und klaren Worten zu Vorschlägen, die er für falsch hält.“

Als im Kern eher linke und solidarische Partei haben die Grünen natürlich striktere Forderungen an das Banken- und Finanzsystem als beispielsweise CDU oder FDP. Aber eine Politik, die konsequent darauf aus ist, Wirtschaften neu zu organisieren und mutig an die Übermacht des Finanzsektors zu gehen, sieht anders aus. Sie kritisiert das grundlegende Modell modernen Wirtschaftens und den menschenverachtenden Praktiken globaler Großbanken, an der Spitze die Deutsche Bank, und wedelt nicht mit dem Finger und sagt „du, du, du“. Einen Spitzenvertreter hatten Trittin und das versammelte Publikum am Mittwoch vor sich, hätten kritisch und deutlich machen können, dass die Deutsche Bank juristische (Liborskandal u.v.m.) und moralische (Kreditvergabe an Kriegstreiber u.v.m.)  Spielregeln an allen Ecken und Enden verletzt. Stattdessen wird nett gefachsimpelt, in einem Videointerview am Ende noch einmal die Kuschel-Kritik zusammengefasst und dann weiterhin Politik gemacht – es soll ja im September in das Ministerium eingezogen und kein Preis für soziales Engagement gewonnen werden.

Bezeichnend für das Zusammenkommen ist die Reaktion Jains auf die Frage eines Menschen im Publikum, ob Banken nicht „Geld aus dünner Luft machen“. Zuerst lächelt der Großbanker, dann sagt er, dass er seiner Tochter das Bankgeschäft, laut Welt, so erklärt: „Im Kern gehe es darum, Ersparnisse der Menschen einzusammeln und dieses Geld als Kredite an die Firmen zu vergeben. Ein Geschäft ganz nah an der bodenständigen Realwirtschaft, das ist die Botschaft. Dass Jain sie im „Haus am Dom“ widerspruchslos in den Raum stellen kann – damit hätte er wohl kaum gerechnet.“

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