Spiegel ♥ Immobilienwirtschaft und hohe Mieten

Ausschnitt aus dem Artikel "Lage,Lage,Lage", Spiegel Nr. 26/2013

Ausschnitt aus dem Artikel „Lage,Lage,Lage“, Spiegel Nr. 26/2013

Zum Thema Miete: Der aktuelle Spiegel bietet der Immobilien- und Vermietungsbranche unfreiwillig (?) zwei ganze Seiten an kostenloser Werbung für ihre Interessen und ihre Politik. Grundaussage der Werbeanzeige: Mieter*innen seien selbst an den steigenden Mietpreisen schuld, weil sie durch eine auf „hippe“, „coole“ und „angesagte“ Wohnviertel fokussierte Suche die Nachfrage dort explodieren lassen würden. Vermietende könnten gar nicht anders, als die Preise raufzusetzen. Ebenso bei Neuvermietungen. Der Spiegel schreibt, dass es die „heutige Mietergeneration den heutigen Hauseigentümern besonders leicht macht, regelmäßig die Mieten zu erhöhen.“ Weil sie vermehrt umziehen, könnten Vermietende besonders leicht bei Neuvermietungen den Mietpreis hochsetzen. Als ob es gesetzlich festgeschrieben wäre, Mietpreise zu erhöhen und Vermietende gar nicht anders könnten, wenn die Mieter*innen wechseln.

Insgesamt vier Personen der Immobilien- und Vermietungsbranche werden zitiert, während von der Mietendenseite lediglich eine Person vom Deutschen Mieterbund zu Wort gelassen wird (sicherlich nicht mit dem gesamten Inhalt) und sonst niemand von der Mietendenseite aus. Europas meist gelesenstes Nachrichtenmagazin gibt der Vermietungsbranche kostenlose Werbung als Artikel getarnt und verschweigt zwei grundsätzliche Gedanken in diesem Thema, die den Sachverhalt  in einem absolut anderen Licht erscheinen lassen.

Die Mär von Vermietenden, die nicht anders können

Die Argumentation von den für die Preissteigerungen selbst verantwortlichen Mietenden, bietet Menschen, die Wohnraum anbieten, geradezu einen Freibrief für eine ausufernde Mietpreispolitik. Der Spiegel scheint Menschen geradezu einen Vorwurf zu machen, dass sie in bestimmten Vierteln lieber wohnen würden und dass sie von ihrem Grundrecht auf Freizügigkeit und damit auf Wechsel der Wohnung Gebrauch machen.

Um es mal deutlich zu sagen: Niemand zwingt Vermietende ihre Preise anzuheben. Preisgestaltung ist, in gewissen Rahmen, ihre ganz eigene Entscheidung. Ich muss nicht, nur weil ich ein Haus in einer teuren Gegend habe, meine Wohnungen ebenfalls zu Spitzenpreisen anbieten. Ebenso muss ich meine Wohnung nicht teurer vermieten, nur weil jemand ein- und jemand anderes auszieht.

Sicherlich zeugt es nicht von besonders großer Flexibilität, wenn Menschen sich mit ihrer Suche in gewissen Stadtteilen festbeißen und einen Bezirk weiter nicht nach Wohnungen schauen.
Das darf aber kein Automatismus dafür sein, dass Vermietende  ins gefühlt nach oben offene Segment hin ihre Miete erhöhen oder bei Neueinzug gnadenlos an der Preisschraube drehen. Die alte Mär vom dummen Nachfragenden und dem Anbietenden, der gar nicht anders kann, weil es der Markt so verlangt, gehört endlich eingemottet. Bitte Eigenverantwortung und Gemeinschaftssinn in das Denken einziehen lassen, dann schaltet sich vielleicht auch das wieder Gewissen ein.

Es geht nicht nur um Wohnungen – auch um die Innenstädte

Bei den aktuellen Mietenprotesten geht es nicht nur darum, dass es keinen ausreichenden Wohnraum gibt – es geht auch darum, dass Normal- und Geringverdienende aus den Innenstädten an die Stadtränder gedrängt werden! Großstädte verkommen zum Tummelplatz von Büroangestellten am Tag und zum Friedhof in der Nacht. Eine Entwicklung, die sich an amerikanischen Großstädten sehr gut nachvollziehen lässt.

Die Zentren sind die pulsierenden Herzen der Metropolen und Städte. Hier treffen sich Menschen verschiedenster Schichten und Hintergründe und vermengen sich zu einem vielfältigen Brei, der eine kreative und tolerante Großstadt ausmacht – der sogenannte Schmelztiegel. Steigen die Preise in deutschen Innenstädten immer weiter an, werden sich nur noch die Reichen Wohnungen in diesen Gegenden leisten können. Die Vielfalt schwindet. Ärmere werden in die Stadtränder verdrängt und langsam aber sicher werden sich urbane Pulverfässer wie Paris mit seinen Boileus oder London mit seinen Suburbs herausbilden. Es wird sich eine Einfalt in den Städten bilden, die nicht nur langweilig und diskriminierend, sondern auch gefährlich werden wird.

Die Schuld trägt….

Nur am Rande sei hier erwähnt, dass auch die immer mehr in deutschen Innenstädten vermieteten Büroräume und schick geplanten Neubauten für Firmen, Hotels, Einkaufszentren, Sportstätten, usw. die Preise nach oben schnellen lassen. Mietende sind nicht die Verursachenden der desaströsen Mietenpolitik, sie sind diejenigen, die diese Probleme ausbaden müssen. Die Personen, die hauptsächlich Schuld an dieser Entwicklung tragen, machen es sich mit gepolstertem Geldbeutel in Chefetagen von Immobilienunternehmen gemütlich oder lümmeln sich auf den Regierungsbänken deutscher Parlamente. Weil sie scheinbar gewissenlos Mieten in die Höhe treiben oder keine Maßnahmen ergreifen, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Sie sitzen aber auch in den Unis, Jobcentern und vertrieben in den Außenbezirken der Städte, weil sie in der Mehrzahl dem Geschehen immer noch hilf- und protestlos hinterherschauen.

…auch der Spiegel

Der Spiegel gibt dem skrupellosen Geschäft mit der Miete Rückendeckung und verschiebt die Wahrnehmung – weg von den Profitierenden von ungezügelten Preissteigerungen hin zu den Menschen, die die Konsequenzen tragen müssen. Als renommiertes Nachrichtenmagazin sollte der Spiegel weg von diesen kostenfreien Werbeartikeln kommen und differenzierte und kritische Perspektiven zu Wort kommen lassen.

Am Ende des Artikels erzählt der Spiegel von einer Diskussion an einer Hamburger Hochschule. Der Chef einer Vermietungsgesellschaft habe den Studierenden mitgeteilt, dass sie in benachbarten Vierteln von „szenigen“ Stadtteilen Wohnungen preiswert mieten könnten. Die Studierenden hätten den Chef ausgebuht. Im Gegensatz zu ihm scheinen sie die oben beschrieben Grundprobleme erkannt zu haben. Das ist nicht ignorant, das ist umsichtig.

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