Privatisierung des öffentlichen Raumes – wie Öffentlichkeit verschwindet und mit ihr Gesellschaft

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Ein ehemals öffentlich zugänglicher Weg – privatisiert!

Der öffentliche Raum scheint lediglich für drei Zwecke gut zu sein: als unvermeidbares Übel um von a nach b zu kommen, zum gelegentlichen Schlendern und als Werbeplatz für verschiedenste Dienstleistungen. Nur wenige Menschen nutzen aktiv den Öffentlichen Raum für nicht-kommerzielle und individuelle Zwecke zur Selbstverwirklichung. Dabei kann er soviel mehr sein und soviel mehr bieten.

Öffentlicher Raum – demokratischer und emanzipatorischer Platz in der Gesellschaft

Der öffentliche Raum ist Grundbestandteil gesellschaftlichen Lebens. Neben der Möglichkeit spontaner Treffen, bietet er die Möglichkeit der eigenen Selbstverwirklichung und dem Austausch mit Anderen. Streit und das Aufeinanderprallen verschiedener Meinungen gehören dazu und sind wichtig für das allgemeine politische Leben, ob in der Diskussion, mit Aufklebern, dem Auftreten oder anderen Formen der individuellen Aktivität im ÖR.

Die Konfrontation mit Personen aus anderen Kreisen, mit anderen Überzeugungen und Hintergründen lässt uns einerseits die eigenen Positionen reflektieren und zum anderen die der anderen kennenlernen.  Dadurch nähern sich die verschiedenen gesellschaftlichen Positionen tendenziell eher an und eine Gesellschaft kann gemeinsame Grundpositionen entwickeln. Ständig in den eigenen Dunstkreisen verhaftet, entwickeln sich die verschiedenen gesellschaftlichen Positionen unabhängig voneinander, entfernen sich und bilden Polaritäten. Das Ergebnis sind nicht sich miteinander entwickelnde gesellschaftliche Gruppen, sondern auseinander driftende, die sich immer mehr unversöhnlich voneinander abschotten.

Dazu kann der Austausch im öffentlichen Raum helfen, Hierarchien abzubauen. In gesamtgesellschaftlichen Diskussionen benötigen Menschen enorme Ressourcen um gehört zu werden – Kontakte, Ansehen, Informationen, etc.
Im Gespräch im öffentlichen Raum benötigen Menschen zur Teilhabe nur ihre Meinung und eine Möglichkeit zur Kommunkation. Natürlich ist das auch nicht gänzlich hierarchiefrei, da Menschen unterschiedliche Vorraussetzungen hierfür besitzen. Aber die Hürden zur Teilhabe sind ungleich geringer, als in einer abstrakten gesellschaftlichen Metadiskussion zwischen einflussreichen Eliten. Nahezu jede*r kann seine*ihre Meinung auf der Straße kommunizieren, einen Sticker an einen Pfeiler kleben oder eine Aktion im öffentlichen Raum starten – demokratischer und hierarchiefreier geht es wohl kaum. Und doch nutzt es fast niemand.

Überindividualisierung führt zu Entgesellschaftlichung führt zu Privatheit

Unsere Gesellschaft ist auf das Ego ausgelegt. Es geht darum, sich erfolgreich zu positionieren und Einfluss auf andere auszuüben. Wir bewundern mächtige Menschen und versuchen ihnen nachzueifern. TV-Shows versprechen ihren Teilnehmenden Ruhm und Berühmtheit, denn erst wenn wir für alle sichtbar aus der Masse hervorstechen, fühlen wir uns ernstgenommen. Wir wollen uns von andere abheben und im Mittelpunkt stellen, um das Gefühl zu bekommen, besonders und individuell zu sein. Wer das nicht schafft, schafft sich seinen eigenen Mikrokosmos, wo er*sie besonders und unersetzbar ist – eine eigene Familie und einen erfolgreichen Job. Wir solidarisieren uns nicht mehr mit unserem Umfeld und stecken für andere zurück. Es geht um unseren eigenen Erfolg und unsere persönliche Entwicklung in unserer eigenen kleinen Welt. Eine Verbindung zur Gesellschaft empfinden wir immer weniger. Buchstäblich dafür ist die Selbstwahrnehmung eines großen Teils der Gesellschaft als politisches Wesen („Ich kann doch eh nichts ändern.“).

In dieser überindividualisierten Sphäre, in der nur Eliten gesellschaftliche Bedeutung zugesprochen wird, ist es nur selbstverständlich, dass auch der öffentliche Raum nur für diejenigen reserviert ist, die es verdient zu haben scheinen. Popstars mit Liveauftritten, Politiker*innen mit Reden oder Firmen mit ihrer Werbung. Selbstverwirklichung findet im Privaten statt oder gar nicht.

Mein Geld, mein Grundstück, keine Öffentlichkeit

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Schild an einem öffentlich zugänglichen Raum

Dadurch erfährt das Private natürlich eine Sonderrolle. Es ist nicht nur ein Besitz und Nutzgut, sondern Teil der eigenen Selbstverwirklichung und erfährt besonderen Schutz. Einflüsse von außen werden als fremde und unberechtige Eingriffe wahrgenommen. Dazu kommt die lästige Auseinandersetzung mit Personen, die nicht unsere Meinung oder unseren Lebensstil teilen. Unser Lebensstil und unsere Überzeugungen sind nicht verhandelbar, sie machen uns schließlich zum Individuum. Deshalb schließen wir immer mehr die Öffentlichkeit und mit ihr andere Positionen aus. Aufenthaltsverbote werden ausgesprochen, Zäune hochgezogen und Aktivitäten im öffentlichen Raum (Demonstrieren, Diskutieren, Plakatieren, etc.) eingestellt. Gut wahrzunehmen im ÖR sind beispielsweise Wohnungsgesellschaften, die ihre Höfe und Grundstücke immer großzügiger mit Zäunen und Verbotsschildern ausstatten,

Ständige Verhaltenskontrolle mit Videoüberwachung

Eine weitere Beeinträchtigung für die Bewegung im öffentlichen Raum stellt die stetig ausufernde Videoüberwachung dar. Auch wenn Menschen es nicht absichtlich tun, unbewusst ändern sie ihr Verhalten, wenn sie beobachtet werden. Die ständige Kontrolle lässt Menschen sich defensiver verhalten und verstärkt das Gefühl, im öffentlichen Raum sich unwohl zu fühlen und eher im Privaten die eigene Selbstverwirklichung zu suchen.

Einkaufszentren, Privatwege, Bahnhöfe – Öffentlichkeit im privaten Raum

Kundgebungen finden seit dem Urteil des BVerfG bundesweit regelmäßig direkt in Flughäfen statt

Eine weitere Herausforderung für den Öffentlichen Raum ist die Verlagerung in eigentlich private Räume. EInkaufszentren sind zwar allgemein zugänglich, unterliegen aber einem privaten Hausrecht. Genauso verhält es sich mit Privatwegen, die in Einfamilienhaus-Gegenden angelegt werden, mit Bahnhöfen, Flughäfen und allen öffentlich zugänglichen Räumen, die von einer Öffentlichkeit frequentiert werden und sich im Besitz einer Firma, eines Konsortiums oder sonstigen privatrechlichen Vereinigung befinden.  Deren Betreiber*innen machen in den meisten Fällen recht schnell klar, dass ein individuelles, von der Norm abweichendes Verhalten nicht geduldet wird (versucht mal bsw. in einem Einkaufszentrum Videoaufnahmen zu machen, euch auf den Boden zu setzen oder gar eine Demo anzumelden). Hoffnung macht allerdings eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahre 2011, das grundsätzlich Versammlungsfreiheit auch in privaten, öffentlich zugänglichen Räumen in Aussicht stellt (siehe hier). Jetzt braucht es Initiativen, die dieses Recht in den Räumen anmelden.

„Wäre das hier Werbung, wäre sie legal“ – Monetarisierung des Öffentlichen Raums

„Wäre das hier Werbung, wäre sie legal“. Diesen Spruch habe ich in Berlin auf einer Treppenstufe zum U-Bahn-Ausgang gesehen. Und tatsächlich werden Treppenstufen von der Berliner Verkehrsgesellschaft zur Vermietung von Werbeplätzen genutzt. Sobald eine Firma oder Gesellschaft im Öffentlichen Raum einen Besitz von ihr als Werbefläche vermietet, kann dort fast alles erscheinen – von Werbung für Sex-Messen, Telekommunikationsanbietern, Bundeswehr, Parteien, Lebensmittel, Supermärkte, Elektronikfachgeschäften, etc. pp. . Theoretisch könnte ich ein Foto von meinm Po machen und riesige Plakate davon aufhängen lassen. Hauptsache ich habe genug Geld um diese Plattformen zu bezahlen.

Problem eins für mich daran ist, dass damit ein Monopol für die Darstellung von Inhalten im öffentlichen Raum geschaffen wird. Der Maßstab ist Geld, wer keines hat, hat praktisch keine Chance auf sich oder seine Anliegen hinzuweisen. Das zweite Problem sind die immer mehr und auffällig werdenderen Flächen. Auf Bahnhöfen ist es schon Normalität, dass LED-Anzeigen mit kleinen Filmen und Animationen aufgestellt werden. Werbetafeln besitzen teilweise eine bluetooth-Funktion, mit der ich mir Infos auf mein Handy laden kann. Private und monetäre Werbung nimmt einen größeren Stellenwert im öffentlichen Raum ein.

Nehme ich mir aber einen Stift und schreibe etwas an eine Wand, mache ich mich strafbar. Das selbe mit Aufklebern oder selbst Sprühkreide. Die unkontrollierte und nicht-kommerzielle Aktivität wird im öffentlichen Raum geahndet – besonders schwer in Fällen von Graffiti.

Öffentlichen Raum öffentlich nutzen – Rückeroberung des Privatisierten!

Kunst in seinen verschiedensten Formen nutzt oft noch selbstbewusst das Auftreten im Öffentlichen Raum

Dabei geht es gar nicht darum, dass alle alles beschmieren und besprühen dürfen. Der öffentliche Raum soll einfach als das wahrgenommen werden, was er ist – ein Raum für Öffentlichkeit! Lasst uns wieder gerne im öffentlichen Raum Zeit verbringen, mit den Menschen um uns herum in Kontakt treten und ausleben und unsere Gedanken und Vorstellungen mit den von anderen zusammenbringen. Lasst uns der um sich greifenden Monetarisierung der Öffentlichkeit etwas entgegensetzen – Spontanität, Kontroversen und Kreativität! Davon lebt eine Demokratie und davon lebt eine dynamische Gesellschaft.

Weltberühmt – Speakers‘ Corner im Londoner Hyde Park

Natürlich können wir es uns bequem machen, uns ein Haus kaufen und sagen, wir wollen nicht, dass dort irgendwas drangemalt wird, sondern eine Wand ausschließlich nach unseren eigenen Vorstellungen aussehen darf (meistens einfarbig). Wir können aber auch Kompromisse eingehen und sagen, dass zum Beispiel ein Teil davon für alle zugänglich und  gestaltbar ist. Oder wenn wir sagen, dass wir Aufkleber in öffentlichen Räumen nicht mehr als Störobjekte, sondern als Teile der gesellschaftlichen Diskussion betrachten. Demonstrationen sind keine geschäftsschädigenden Ereignisse, sondern beleben das Miteinander und sind wichtig für die Bildung einer öffentlichen Meinung!

Aber dazu müssen wir uns auch auf Kontroversen einstellen und sie aushalten – wenn uns das gelingt, können wir uns aber der gewachsenen Vielfalt und der Toleranz in unserer Gesellschaft sicher sein.

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Ein Gedanke zu “Privatisierung des öffentlichen Raumes – wie Öffentlichkeit verschwindet und mit ihr Gesellschaft

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