Was ist ‚Anarchie‘ und warum denken soviele dabei an Gewalt, Egoismus oder Naivität?

Kaum ein politisches Modell ist so verschiedenartig interpretiert, so unterschiedlich ausgestaltet und dabei auch so missverstanden oder bewusst falsch ausgelegt worden, wie die Anarchie. Die Bandbreite reicht dabei von roher Gewalt und herrschendem Chaos, über den ungebundenen Egoisten, bis hin zum Naivling, der den harten Realismus im Leben nicht verstanden und nur von einer schönen Welt träumen will. Die für mich drei größten Fehlinterpretationen dargestellt mithilfe von Zitaten aus deutschsprachigen Online-Publikationen.

1) Anarchie als Zustand von Gewalt und Chaos
Der weit verbreiteste und verhängnisvollste Irrtum ist die Annahme, Anarchie wäre der Zustand von Gewalt und Chaos, nachdem eine staatliche Ordnung zusammengebrochen ist. Zwar meint Anarchie tatsächlich das Fehlen eines Staates, aber statt eines archaischen „gegenseitig-aufeinander-drauf-Hauens“ verlangt Anarchie eine gewaltlose und hierarchiefreie Selbstorganisation. Fehlt eine staatliche Struktur genauso wie diese Selbstorganisation und bricht Gewalt und Chaos aus, wird dieser Zustand Anomie genannt und nicht Anarchie. Dieses Missverständnis wird von den Zeitungen in ihren Artikeln seit jeher und immer noch reproduziert. Die Orte und Regionen, in denen anomische Zustände herrschen, wechseln, die falsche Wortwahl bleibt.

„Blutige Auseinandersetzungen in Bengasi und Tripolis – In Libyen breitet sich Anarchie aus“, meint beispielsweise Die Welt vor ein paar Wochen und die Rheinische Post titelt „Ukraine zwischen Chaos und Krieg – der Osten des Landes droht in Anarchie abzugleiten„. Beide kriegerischen Konflikte werden von den verschiedensten Medien immer wieder unter dem Stichwort ‚Anarchie‘ behandelt. Streng genommen reden beide Zeitungen davon, dass in den Regionen eine gewaltfreie Selbstorganisation der dort lebenden Menschen beginnt und sich kein Bürgerkrieg abspielt.

In einem kurzen Artikel in der Süddeutschen Zeitung wird der Begriff Anarchie auch in einem anderen interessanten Zusammenhang aufgegriffen. „Ein Garten, das ist das Zivilisierte, das Kultivierte. Nicht so eine frei wuchernde Anarchie, nicht so eine Barbarei wie in der sich selbst überlassenen Natur.“ Es handelt sich bei dem Text zwar offensichtlich um eine Glosse, aber die Wortwahl zeigt doch auch hier deutlich die generelle gesellschaftliche Einordnung des Begriffs Anarchie.

Ganz besonders auffällig missverstanden wird der Begriff Anarchie in einer Aufzählung des Weserkuriers: „[…]; das Prinzip Hoffnung wird aufgegeben und schlägt um in Gewalt, Anarchie, Apokalypse und Zynismus.“

2) Anarchie als egoistische und unsolidarische Verhaltensweise
Oft wird im Bezug zur Anarchie Eigenverantwortung und Selbstbestimmung mit Egoismus und Selbstbereicherung verwechselt. Offenbar trauen viele einer Gesellschaft nicht zu, in ihrer Freiheit mit zu berücksichtigen, sondern immer nur an sich selbst zu denken. Ein systematisches egoistisches Verhalten ist demnach für viele Ausdruck von Anarchie, dem entsprechend wird dieser Begriff missverständlich von den verschiedensten Medien gebraucht.

Laut dem Blick am Abend ‚herrscht‘ für den schweizerischen Rapper Kutt MC Anarchie auf den internationalen Finanzmärkten: „Wenn jeder machen würde, was er wollte, wäre es Anarchie. Jeder gegen jeden. Uns fehlt heute ein Gemeinschaftsgefühl. Die Anarchisten von heute sind die Investmentbanker.“

Der Focus druckt ein Interview mit einem Google-Kritiker ab, in dem dieser meint: „Dass Anarchie nicht der richtige Weg ist, mussten wir schon vor Hunderten von Jahren lernen. Google lernt es jetzt. In Europa viel Geld zu verdienen, aber sich nicht um hiesiges Recht zu scheren – diese Zeiten sind vorbei.“

Bela B., eines der drei Mitglieder der Band Die Ärzte, lässt sich in vielen Zeitungen, unter anderem der Abendzeitung München, mit folgendem Worten beschreiben und zitieren: „Anarchie bedeute für ihn totale Ungebundenheit ohne Gesetze und Hierarchien. Dies habe seinen Reiz, „doch wer sich nach nichts richten will, der dreht sich um sich selbst. Egoismus und Maßlosigkeit greifen um sich.“

3) Anarchie als paradiesische und realitätsferne Träumerei
Wer dem Anarchismus, also der der Anarchie zugehörigenden Ideenlehre, anhängt, muss sich regelmäßig gefallen lassen, als realitätsferne*r Spinner*in bezeichnet zu werden. Da Anarchie als utopisches Paradies gesehen wird, in dem sich mehr oder weniger alle lieb haben und es keine Konflikte gibt, wird dieses Modell als schlicht nicht umsetzbar gesehen. Menschen können sich oftmals nur schwer oder gar nicht vorstellen, wie sich eine Gesellschaft ohne einen über allem stehenden Staat organisieren und Konflikte selbst lösen könnte. Folglich könne Anarchie erst dann funktionieren, wenn es gar keine Konflikte gibt, was als, wahrscheinlich vollkommen zurecht, unmöglich angesehen wird. Da aber Anhänger*innen des Anarchismus dennoch die Anarchie als angezieltes Gesellschaftsmodell verfolgen, werden sie folglich als naiv betitelt.  Dem entsprechend wird der Begriff Anarchie in besonders realitätsfernen oder infantilen Zusammenhängen benutzt.

Die Tiroler Tageszeitung schreibt zum Beispiel in einer Rezenszion über einen Kinderfilm, in dem sich die tierischen und verzauberten Bewohner*innen eines Hauses gegen einen „geldgierigen Neffen“ wehren: „Regisseur […] und sein Co-Regisseur […] haben durch viele kleine Details eine bezaubernde Mischung aus Spannung und Verspieltheit geschaffen, gepaart mit einem Schuss kindlicher Anarchie.“

Der Spiegel zitiert unter dem Titel „90 Zentimeter haarige Anarchie“ ein Kapitel aus einem Buch. Dieses thematisiert, wie die Serienfigur Alf Ende der Achtziger Jahre die bundesdeutschen Haushalte durcheinanderbrachte. „Als ich nach zwei Wochen Ferien zurück in die Schule kam, gab es kaum jemanden, der Alf nicht gesehen hatte. Tatsächlich hatte sich mit ihm unsere Welt verändert: Anarchie war plötzlich möglich, auch im spießigsten Einfamilienhaus.“

In der Aachener Zeitung wird über ein Kinderprojekt in einem Museum berichtet, bei dem diese selbstbestimmt malen können. Die Zeitung fragt die Museumsdirektorin: „Und wenn die Anarchie ausbricht und die Kinder auch andere Wände im Museum bemalen wollen?“

Und wenn die Anarchie ausbricht und die Kinder auch andere Wände im Museum bemalen wollen?Kinder an die Macht: Eigenwilliges Kunst-Experiment im LuFo – Lesen Sie mehr auf:
http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/kinder-an-die-macht-eigenwilliges-kunst-experiment-im-lufo-1.838716#plx1104381739
Und wenn die Anarchie ausbricht und die Kinder auch andere Wände im Museum bemalen wollen?Kinder an die Macht: Eigenwilliges Kunst-Experiment im LuFo – Lesen Sie mehr auf:
http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/kinder-an-die-macht-eigenwilliges-kunst-experiment-im-lufo-1.838716#plx1104381739
Und wenn die Anarchie ausbricht und die Kinder auch andere Wände im Museum bemalen wollen?Kinder an die Macht: Eigenwilliges Kunst-Experiment im LuFo – Lesen Sie mehr auf:
http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/kinder-an-die-macht-eigenwilliges-kunst-experiment-im-lufo-1.838716#plx1104381739
Und wenn die Anarchie ausbricht und die Kinder auch andere Wände im Museum bemalen wollen?Kinder an die Macht: Eigenwilliges Kunst-Experiment im LuFo – Lesen Sie mehr auf:
http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/kinder-an-die-macht-eigenwilliges-kunst-experiment-im-lufo-1.838716#plx1104381739
Und wenn die Anarchie ausbricht und die Kinder auch andere Wände im Museum bemalen wollen?Kinder an die Macht: Eigenwilliges Kunst-Experiment im LuFo – Lesen Sie mehr auf:
http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/kinder-an-die-macht-eigenwilliges-kunst-experiment-im-lufo-1.838716#plx1104381739
Und wenn die Anarchie ausbricht und die Kinder auch andere Wände im Museum bemalen wollen?Kinder an die Macht: Eigenwilliges Kunst-Experiment im LuFo – Lesen Sie mehr auf:
http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/kinder-an-die-macht-eigenwilliges-kunst-experiment-im-lufo-1.838716#plx1104381739

Vielleicht würde es der Anarchie, aber auch dem gesellschaftlichen Miteinander im Allgemeinen, gut tun, wenn wir uns mehr mit den Begriffen und Überzeugungen auseinandersetzen würden, die wir verwenden oder die um uns herum existieren. Ein Anfang wäre damit gemacht, wenn wir den Artikel auf Wikipedia zum Stichwort Anarchie lesen #literaturtipp
-> http://de.wikipedia.org/wiki/Anarchie

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s