Fotos der Pressekonferenz von Refugeestruggle im DGB-Haus

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Kretschmann verkaufte das Grundrecht auf Asyl – und die Grünen machten mit

Da waren Kretschmann und die Partei sich noch einig - Wahlkampf 2011 in Berlin // cc greenythekid

Da waren Kretschmann und die Partei sich noch einig – Wahlkampf 2011 in Berlin // cc greenythekid

Nach den Landtagswahlen in Niedersachsen im vorigen Jahr, hatte die Grüne Partei noch vollmundig bekundet, man könne nun mit der von SPD und CDU abgerungenen Mehrheit im Bundesrat nachhaltig Einfluss auf die Politik der Regierung nehmen und es der Großen Koalition erheblich erschweren, ihr Programm auf Bundesebene durchzuziehen.

Pustekuchen. Bei der ersten Generalprüfung im Bundesrat letzten Freitag kippte die Rot-Rot-Grüne Mehrheit. Das grün regierte Baden-Württemberg stimmte dem so genannten Asylkompromiss zu und verschaffte der Bundesregierung damit die fehlenden Stimmen zu ihrem Gesetzesvorhaben. Der Gesetzestext sieht vor, Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zukünftig als sichere Herkunftsstaaten einzustufen . Asylanträge aus diesen Staaten können zukünftig ohne genauere Prüfung aus formalen Gründen abgelehnt werden. Das Bundesland leistete der Großen Koalition nicht nur einen netten Freundschaftsdienst, sondern stürzte gleich noch die eigene Partei ins Unheil.

Kretschmann hat Scheisse gebaut. Der Rest der Partei auch.

Den Ministerpräsidenten von BaWü, Winfried Kretschmann, aber allein als den Bösewicht in dem Politikdrama darzustellen, greift zu kurz. Die gesamte Parteispitze hatte sich vor ein paar Wochen angeschickt, in Verhandlungen mit der Bundesregierung über das Gesetz zur Erweiterung der sicheren Herkunftsstaaten zu treten. Das Grundrecht auf Asyl hatte von Anfang an auf dem Verhandlungstisch gestanden, es ging nur um die Frage, ob der Preis dafür hoch genug sein könnte.

Kretschmann nun vorzuwerfen, dass er mit seiner Zustimmung zum Asylkompromiss die Praxis der sicheren Herkunftsstaaten unterstützt, nachdem man selbst über Wochen hinweg genau darüber diskutiert hatte, hat etwas Heuchlerisches. Die gesamte Partei wäre dazu offenkundig bereit gewesen, wenn das Angebot der Großen Koalition gut genug gewesen wäre.

Es war mindestens naiv von der Partei zu denken, dass mit einer Großen Koalition saubere und transparente Verhandlungen zu führen sind. SPD und CDU sind als Bundesregierung keine Verhandlungspartner, sondern politische Gegner. Grüne sollten sich als Alternative zu den konservativen und neoliberalen Parteien präsentieren und sich nicht in billigen Verhandlungen anbiedern – da können sie, erwiesenermaßen, nur verlieren.

Konsequentes Handeln am Ende der der Verhandlungen? Fehlanzeige!

Am Ende der Verhandlungen zog die Partei dann aber zumindest den Schluss, dass die Große Koalition im Poker um die Grundrechte zu wenig für eine Zustimmung geboten hatte. Der Parteirat hatte in der abendlichen Sitzung vor der Entscheidung im Bundesrat das Angebot abgelehnt und damit indirekt die grün mitregierten Länder dazu aufgefordert, im Bunderat dem Gesetzesentwurf nicht zuzustimmen. Gleichzeitig aber kam aber ein Satz hinein, der das Vorherhige nicht nur völlig unsinnig erschienen ließ, sondern im Nachhinein Kretschmann auch noch Legitimation für sein Abstimmungsverhalten gibt:

„Unabhängig von dieser Position respektieren wir, wenn grün mitregierte Länder in ihren Kabinetten zu einer anderen Abwägung kommen sollten.“

Mit diesem Satz hatte sich der Beschluss praktisch selbst aufgehoben. Damit sagte die Partei, dass sie ihre eigene Überzeugung überhaupt nicht verteidigte und quasi zum Abschuss freigab. Konsequenz im politischen Handeln hätte bedeutet, Kretschmann und Özdemir deutlich zu machen, aus dem grünen Selbstverständnis heraus das Angebot der Großen Koalition ablehnen zu müssen. Stattdessen gingen alle zufrieden nach Haus und waren im Anschluss empört, dass Kretschmann sich genau auf diesen Satz beruft und den Parteibeschluss ansonsten ignoriert. Das ist mindestens naiv. Wer böse denkt, könnte darin aber auch eiskalte Berechnung vermuten.

Der Winfried aus dem konservativen Ländle geht vor und hofiert die Große Koalition, während der Rest der Partei sich aufgrund öffentlichen Drucks distanziert, dem Angebot aber insgeheim zustimmt. Wer solche Fehler begeht, darf sich nicht beschweren, sollten Vorwürfe in dieser Art auf die Parteispitze treffen.

Konsequentes strategisches Handeln, dass auf Emanzipation und Alternativität beruht? Fehlanzeige. Die Grünen ergehen sich in ihrer alternativ angestrichenen Politik, die in den Momenten, wo es darauf ankommt, kein bisschen progressiver ist, als die der anderen Parteien.

Fehler

Besetzung der grünen Bundesgeschäftsstelle vor der Bundesratsabstimmung // cc-by-sa

Besetzung der grünen Bundesgeschäftsstelle vor der Bundesratsabstimmung // cc-by-sa /indymedia

Es war ein grundsätzlicher Fehler, und das wird es auch bleiben, mit einer Großen Koalition in Verhandlungen über Gesetzestexte zu treten. Diese Bundesregierung ist weder willig, noch fähig Kompromisse zu entwickeln, die auch nur im Entferntesten etwas von emanzipatorischer Politik besitzen. Oppositionspolitik kann sich aus meiner Sicht nur darauf beschränken, Alternativen aufzuzeigen und die Gesetzesvorhaben der Großen Koalition zu verhindern.

Es war aber auch im Speziellen in der Situation ein Fehler die Verhandlungen zu beginnen. Diese Verhandlungen hatten das Ziel, das Grundrecht auf Asyl auszuhöhlen, von Anfang an. Dass Grüne dieses Grundrecht überhaupt auf den Pokertisch gepackt und geschaut haben, was sich denn dafür so bieten lässt, ist nicht tragbar.

Und dann ist da noch der grüne Ministerpräsident, der einem Gesetzesentwurf zustimmt, gegen den die Betroffenen, also Sinti und Roma, sowie andere Refugeegruppen Sturm laufen. Es gleicht einer schallenden Ohrfeige, wenn er den vom Gesetz Betroffenen erklärt, dass sie Unrecht mit ihrer Ablehnung hätten. Solch ein Ministerpräsident hat mit den Werten in der Grünen Partei nichts gemein, er sollte freiwillig die Grünen verlassen oder von ihr ausgeschlossen werden.

Es bleibt dabei, emanzipatorische Politik sieht anders aus. Emanzipatorische Politik in dem bundesdeutschen Parlamentarismus versucht nicht, mit einer Großen Koalition Kompromisse einzugehen, sondern sie abzulösen. Emanzipatorische Politik reagiert nicht zurückgezogen und ängstlich, sondern mutig und offensiv. Es bleibt dabei, Grüne müssen sich ändern, sonst ändern sie nie das Land.

Diskussion zu Refugeeprotesten: Bewegung trifft Zivilgesellschaft

Die Kirchengemeinde Mitte hatte am Mittwoch Abend zu einer Diskussion zu den aktuellen Refugeeprotesten geladen. Die Gemeinde wollte mit dieser Veranstaltung „Flüchtlingen, Kirchenvertretern, Politikern und Unterstützern ein Forum für ihre politischen Anliegen“ bieten. Knapp drei Stunden konnten Vertreter*innen der Refugees, der Oppositionsparteien und des Berliner Senats ihre jeweiligen Positionen darlegen und sich ab und an auf die der anderen beziehen. Eine richtige Diskussion kam nicht zustande. Aber bei dieser Veranstaltung konnten sich Refugees erstmalige lange ungehindert zu ihrer Situation vor einem breiteren Publikum äußern und es könnte der Beginn einer Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und der Protestbewegung sein – wenn beide Seite aufeinander zugehen und voneinander lernen wollen.

Viel Publikum in der Heiligkreuz-Kirche // CC greenythekid

Blick auf das Podium // CC greenythekid

Die Heiligkreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg war an diesem Abend fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Während der Veranstaltung mussten sogar zusätzliche Sitzreihen aufgebaut werden, um allen Interessierten eine Sitzmöglichkeit bieten zu können. Diese setzten sich längst nicht nur aus den in den vergangenen zwei Jahren im direkten Protest aktiven Menschen zusammen, sondern auch aus Menschen, die im Kirchenasyl aktiv sind, direkte Unterstützung in den Unterkünften leisten oder sich einfach solidarisch mit den Refugees zeigen wollen. Auf dem Podium hatten sich die Politiker*innen der Oppositionsparteien eingefunden, die bei dem Thema Flucht und Asyl immer anwesend sind: Canan Bayram, Hakan Tas und Fabio Reinhardt. Außerdem zwei Vertreter der Refugees, Nasr und Abdour. Für die Kirche waren Ulrike Trautwein und als Moderator der Pfarrer Jürgen Quandt vertreten. Die schwierigsten Positionen auf dem Podium hatten die Integrationsbeauftragte Monika Lüke und der Referatsleiter für Ausländer- und Asylrecht Peter Marhofer. Sie beide waren für die Seite des Senats entsandt worden. Die Senatoren Henkel, Kolat und Czaja ließen sich entschuldigen.

Vertreter auf dem Podium der Refugees: Nasr und Abdour am Rednerpult // CC greenythekid

Nach einer kurzen Begrüßung durch Kirchenvertreter*innen, hielten Refugees mehrere Ansprachen, insgesamt knapp eine Stunde. In allen Reden prangerten sie die Politik des Senats und der deutschen Regierung an. Sie erzählten, dass sie sich getäuscht und gedemütigt fühlten. Deutschland wäre für sie keine Demokratie, die Gesellschaft zeige keine Menschlichkeit und sie unterstrichen ihre Forderungen nach Aufhebung der Residenzpflicht und des Arbeitsverbotes, sowie nach einer Aussetzung aller Abschiebungen. Sowohl der Moderator, als auch die anderen Podiumsgäste und das anwesende Publikum räumten den Refugees soviel Zeit ein, dass jeder von den anwesenden, der etwas am Rednerpult sagen wollte, dies auch tun konnte.

Referatsleiter Marhofer: „Weder gestaltet, noch vertritt er die Politik des Innensenats. Distanziert hat er sich allerdings auch nicht von ihr.“ // CC greenythekid

Nach der Stunde blieb den anderen Anwesenden eigentlich nicht mehr zu tun, als das Gesagte zu unterstreichen und die Kritik in Richtung des Senats noch mehr auf den Punkt zu bringen. Canan Bayram brachte zum Beispiel ganz unverblümt den Rücktritt des Ministers ins Gespräch. Allein dem Referatsleiter Marhofer oblag die unrühmliche Aufgabe, den Umgang der Innenverwaltung mit der Vereinbarung vom Oranienplatz zu erläutern. Immer wieder wurden seine Worte von Zwischenrufen aus dem Publikum begleitet, die Moderation rief wiederholt zur Ruhe. Irgendwann trat diese auch tatsächlich ein, die befürchtete Eskalation blieb aus. Vielleicht auch deshalb, weil Marhofer nicht nur in seinen Worten, sondern in seinem ganzen Habitus deutlich zum Ausdruck brachte, dass er als Mitglied der Verwaltung des Innensenats deren Politik zwar mitumsetzte, sie aber weder grundlegend gestaltete, noch nach außen hin vertreten konnte. Von ihr distanziert hat er sich allerdings auch nicht.

Viele große Erkenntnisse konnte der Abend nicht bieten, dafür war er aber vielleicht auch gar nicht da. Der noch sehr junge und im Vergleich zu anderen Protestformen mit wesentlich geringeren Ressourcen ausgestattete Protest der Refugees bekam eine Bühne abseits der linken Diskussionszentren und relativ sporadisch eingerichteten Protestorten. Menschen, die sich sonst nicht auf dem Oranienplatz, an der Ohlauer Straße, der Gürtelstraße eingefunden hätten, konnten so in Kontakt treten. Man mag es ihnen zum Vorwurf machen, dass sie sich nicht an die unbequemeren Orte wagen, um sich zu informieren und zu protestieren. Ändern wird man es allein mit der Kritik leider nicht.

Viele wollten etwas sagen – Schlange vor dem Mikro // CC greenythekid

So konnte die Örtlichkeit und der breitere Rahmen die Chance bieten, eine größere Zivilgesellschaft in den Protest mit einzubinden. Das kann selbstverständlich nur dann funktionieren, wenn sowohl der Protest, als auch die Zivilgesellschaft bereit sind, sich auf die jeweils andere Seite einzulassen. Offene Bühnen einzufordern, auf denen alle reden können, die meinen auch etwas sagen zu müssen, erfüllt zwar einen anarchistischen Anspruch, aber nicht den einer breiteren Gesellschaft. Es kann für Menschen anstrengend sein, auch den letzten Menschen mit seinen Wiederholungen, Wutausbrüchen und vielleicht auch ungewöhnlichen Worten und Ideen zuhören zu müssen. Eine Protestbewegung muss sich fragen, ob sie ihre Darstellungs- und Ausdrucksformen als unbedingt durchsetzbar anbringen muss oder ob nicht ein behutsames Heranführen an diese mehr Menschen mitnimmt. Nicht jeder Hinweis einer Moderation in Richtung spontan redender Personen muss als „undemokratisch“ oder „bevormundend“ gebrandmarkt werden.

Genauso muss sich aber auch eine Zivilgesellschaft fragen, ob es ausreicht, Diskussionsveranstaltungen abzuhalten und ab und an Worte der Kritik an die politisch Verantwortlichen zu richten. Wie es Kokou, einer der Refugees, die auf der Bühne standen, gesagt hatte: „Wir sind nicht nur hier um zu reden, alle sind glücklich und gehen dann nach Hause.“

Eine Gesellschaft ist nur so veränderbar, wie ihre Mitglieder zu Veränderungen bereit sind. Jetzt gerade sterben jeden Tag Menschen im Mittelmeer, jetzt gerade werden Menschen in Gebiete abgeschoben, in denen ihnen Folter, Armut und Hunger drohen. Diese Menschen brauchen jetzt Unterstützung und brauchen jetzt eine Veränderung. Erst wenn eine Zivilgesellschaft erkennt, dass diese Menschen direkte Hilfe brauchen und dass es mehr braucht, als eine vordergründigen Auseinandersetzung mit diesem Thema, wird sich auch jetzt etwas ändern. Es braucht den Protest und die Solidarität – Besetzungen, Demonstrationen, kreative Öffentlichkeitsarbeit, Streiks, etc. Alles was friedlich ist und Aufsehen erregt ist wichtig und sollte gemacht werden. Dazu gehört auch, das eigene gemütliche Leben zu verlassen und dahin zu gehen, wo es weniger gemütlich, weniger bequem und weniger angenehm ist.

Lautstark und dynamisch: der Refugeetrike 2012 // C Keren Manor/Activestills.org

Es ist immer ein Experiment, wenn verschiedene Teile einer Gesellschaft aufeinandertreffen und ein gemeinsames Projekt versuchen. Im Einsatz gegen Neonazis oder Atomkraft hat sich aber gezeigt, wie stark und effektiv diese Zusammenarbeit sein kann. Ob es bei den Refugeeprotesten auch zu so einer Zusammenarbeit zwischen Bewegung und Zivilgesellschaft kommen kann, liegt vorallendingen an dem Willen der Beteiligten, miteinander auszukommen, Unterschiede auszuhalten und sich auf Kompromisse einzulassen. Sollten sich aber alle Seiten darauf einlassen, dann kann sich die Energie des Protestes viel stärker an die politisch Verantwortlichen richten. Dann können der Berliner Senat, die Bundesregierung und vorallendingen die Mehrheitsgesellschaft von einer breiten Front für ihren unmenschlichen und ignoranten Umgang mit schutzsuchenden Menschen kritisiert werden, statt dass sich Energien an kleinen Projekten oder an inneren Konflikten aufreiben.

In der Heiligkreuz-Kirche verließen bereits viele der Anwesenden im Publikum den Saal, nachdem sich immer mehr Menschen beim nunmehr offenen Mikrofon einfanden und ihr persönliches Statement abgeben wollten. Die Schlange war noch längst nicht zu Ende, als der moderierende Pfarrer die Veranstaltung endgültig für beendet erklärte. Er musste sich dafür Kritik gefallen lassen. Es wird sich zeigen, ob der Protest in der Lage ist, mehr Menschen zu integrieren und ob eine Zivilgesellschaft sich auf für sie vielleicht eher ungewöhnliche Artikulationsformen einlässt. Aber vielleicht ist es dann möglich, einem Innensenator mehr abzuringen, als eine Vereinbarung, die er am Ende selbst für ungültig erklärt.

Das Aushungern in der Gürtelstraße: Grundrechte gelten nicht für Refugees

Die Ereignisse an der Gürtelstraße offenbaren, wie sehr der deutsche Rechtsstaat zurücktritt, wenn es um den Umgang mit geflüchteten Menschen geht. Zwei Tage nachdem die Refugees, die das Dach ihrer Unterkunft über fast zwei Wochen lang besetzten, ihren Protest beendet hatten, berichteten sie auf einer Pressekonferenz über ihre Erlebnisse während der Besetzung. Sie zeichneten ein dramatisches Bild von einem Rechtsstaat, der seine Prinzipien über Bord wirft und Grundrechte mit Füßen tritt, wenn es um Menschen geht, die sich auf die Flucht begeben und Schutz suchen.

Mouhmaed Tanko (mit Mikrofon) bei der Pressekonferenz // CC greenythekid

Mouhmaed Tanko (mit Mikrofon) bei der Pressekonferenz // CC greenythekid

Mouhamed Tanko ist seit langer Zeit auf der Suche nach einer sicheren Zuflucht. Vor zwei Jahren vor dem Bürgerkrieg in Lybien geflohen, kam er über das Mittelmeer auf die italienische Insel Lampedusa. Der italienische Staat hat ihm, wie so vielen anderen so genannten Lampedusas, ein Schengenvisum erteilt, mit dem er nach Deutschland kommen konnte. Italien macht immer wieder deutlich, dass es sich von den massiven Refugeezahlen überfordert fühlt und entlässt mithilfe dieser skurillen Nutzung von EU-Recht Refugees in eine ungewisse Zukunft nach Europa.

In Berlin hatte sich Mouhamed den Protesten für eine Reform der Asylpolitik angeschlossen und seitdem auf dem besetzten Oranienplatz gelebt. Mit der Unterzeichnung des Einigungspapiers zwischen Teilen der Refugeegruppen und dem Senat hatte er eine Unterkunft in einem Hostel in der Gürtelstraße beziehen können und seither auf das Ergebnis der „wohlwollenden“ Prüfung seines Asylantrags gewartet. So eine Prüfung hatte der Senat mündlich bei der Unterzeichnung im Juli den Refugees versprochen.

Doch der Senat und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) haben aus seiner Sicht nicht wohlwollend geprüft. Alle Refugees, die vom Oranienplatz unter die Vereinbarung gefallen waren, haben Ablehnungsbescheide bekommen. Die offizielle Begründung lautet, dass ihre Fälle in anderen Bundesländern oder EU-Ländern behandelt werden müssen, da sie dort bereits vorher eingereist waren. Da aber den Lampedusas in Italien bereits mitgeteilt worden ist, dass sie dort keinerlei Hilfe oder Aufenthaltsgenehmigungen mehr zu erwarten haben, leben sie praktisch auf der Straße – sie haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und nicht einmal die Chance auf Sozialleistungen in Europa.

Mouhamed und seine Mitstreiter fühlten sich betrogen, als sie die Mitteilung bekamen, dass sie von einem Tag auf den anderen ihre Unterkunft verlassen müssten. Wohin sie hätten gehen sollen, wusste niemand. In einer letzten Verzweiflungstat stiegen sie auf das Dach ihres Hostels und verlangten eine faire Prüfung ihrer Fälle.

Refugees auf dem Dach der Gürtelstraße // CC Björn Kietzmann/demotix.com

13 Tage hielten sie es auf dem Dach aus. 13 Tage lang bei Wind, Regen und der von oben knallenden Sonne. 13 Tage lang nicht einmal mit ausreichend Wasser oder Nahrung, denn das verweigerte ihnen die Polizei. Die Refugees berichteten, wie die Polizist*innen ihnen mehrfach mitgeteilt hätten, dass sie damit eine Strategie verfolgen würden: je länger die Refugees nichts zu essen und trinken bekämen, desto schwächer werden sie und desto eher kämen sie wieder vom Dach. In vergangenen Zeiten wurden auf diese Weise feindliche Städte und Burgen ausgehungert, bevor sie eingenommen und geplündert werden konnten. Mit Rechtsstaatlichkeit hat das nichts mehr gemein. Es offenbart eher, was einer Gesellschaft Menschen wert sind, die keine reguläre Passpapiere besitzen – nämlich nichts.

Man könnte meinen, die Grundrechte gelten in diesem Land erst dann für Menschen, wenn sie über den entsprechenden Pass verfügen. Das Grundgesetz müsste korrekterweise dann auch lauten „Die Würde des Menschen mit legalem Aufenthalt ist unantastbar.“ Der Rest kann, ohne eine Straftat begangen zu haben, eingesperrt, abgeschoben und nun sogar auch ausgehungert werden.

Mouhamed Tanko: „Geschwächt und in sich gekehrt.“ // CC greenythekid

Mouhamed wirkte geschwächt und in sich gekehrt auf der Pressekonferenz. Er erzählte, dass er und seine Mitstreiter krank seien, einer musste sogar am Morgen vor der Pressekonferenz erneut in einKrankenhaus. Sie berichteten, dass zusätzlich zu den Torturen des Wetters und der fehlenden Versorgung auf dem Dach, weitere Drangsalierungen gekommen seien. Pfarrer und Unterstützende hatten mehrfach Essenlieferungen zum Hostel gebracht und den Polizist*innen überreicht. Diese hätten sie dann aber nicht nur nicht weitergereicht, sondern vor den Augen der Refugees verspeist. Neben der unglaublichen moralischen Verfehlung kommt so unter Umständen eine juristische. Canan Bayram, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, fragt auf twitter, ob es sich bei der Aktion der Polizei um Unterschlagung handelt. Auf der Pressekonferenz zieht Jochen Holzhägel von der Ärzteorganisation IPPNW den Umstand der Versorgungsverweigerung als Körperverletzung in Betracht.

Auf der Pressekonferenz meinten die Refugees, dass sie sich dafür entschieden hatten, vom Dach herunterzukommen, nachdem ihnen bewusst wurde, dass die Polizei und der Senat sie dort oben sterben lassen würden.

Als Mouhamed Tanko direkt nach der Besetzung in ein Krankenhaus gekommen war, sei ihm dort nicht ausreichend Unterstützung geboten worden. Im gesamten Klinikum hätte sich niemand finden lassen, der sich auf englisch oder französisch mit ihm hätte verständigen können. Er berichtete von Magenschmerzen, aber die Klinik gab ihm keinerlei Medikamente, nicht einmal ein Glas Wasser. Nach einer Nacht am Tropf sei er wieder entlassen worden.

Für die nächsten vier Wochen können sie in einer Kirche Unterschlupf finden, sagten die Refugees auf der Pressekonferenz. Was danach kommen wird, wissen sie nicht.

An Europas Außengrenzen versuchen jeden Tag Menschen die Absperrungen und Sicherheitsanlagen zu überwinden. Sie hoffen auf ein Leben ohne Hunger, Armut und Krieg. Europas Antwort ist eindeutig und manifestiert sich im Umgang mit den Refugees von der Gürtelstraße: Grundrechte gelten nur für die, die sich nicht auf der Flucht befinden.

Ein grausam gemütlicher Sommerabend

Eine kurze Geschichte über einen gemütlichen Sommerabend

Gemütlicher Sommerabend im Garten // CC „Godolphin7“ by waterborough/Wikimedia Commons

Ein Schmetterling fliegt durch meinen Vorgarten, die letzten Sonnenstrahlen kitzeln an den Blumenblüten und ich sitze gemütlich mit einem Tee in der Hand auf meiner Terrasse. Es ist ein schöner Sommerabend. Von Weitem scheint jemand zu schreien, aber ich höre es gar nicht so richtig, das Radio ist zum Glück so laut. Das Lied, das ich zu hören bekomme, ist zwar nicht unbedingt mein Lieblingslied, aber es gefällt mir.
Die Rosen müssten mal wieder geschnitten werden, denke ich mir, und morgen müsste ich mich um meinen Wagen kümmern. Letzte Woche hatte ich einen kleinen Unfall, seither klafft eine hässliche Schramme an meiner Stoßstange. Schon wieder höre ich einen Schrei, was das wohl sein mag? Ich dreh das Radio ein wenig lauter. In zehn Minuten kommt meine Lieblingscomedy-Show, darf ich auf keinen Fall verpassen. Vielleicht geh ich noch schnell in die Küche und mache mir noch schnell ein Sandwich.

Dort angekommen, schaue ich kurz aus dem Fenster. Die Geranien müssten mal wieder gegossen werden. Ist das da ein Hand, die durch den Zaun fässt? Zum Glück ist sie gleich wieder weg, am Ende war es irgendein Einbrecher!? Gott sei Dank hat offenbar gleich einer der Wachleute für Ordnung gesorgt.
Ich suche mir aus dem Kühlschrank die Utensilien für mein Sandwich zusammen und hole das Brot aus dem Regal. Schon wieder kommt von irgendwo ein Schrei, so langsam kann das aber auch mal aufhören. Wenn ich gleich meine Lieblingsshow höre, will ich nicht ständig von irgendwelchen Rufen gestört werden. Ich nehm den Telefonhörer ab und rufe bei meinen Wachleuten an. Ob sie denn bitte mal für Ruhe da im Vorgarten sorgen könnten, frage ich sie höflich. Sie tun ihr Bestes, sagen sie, aber hier seien viele, die versuchen würden, zu mir zu kommen. Wie schrecklich, denke ich mir. Am Ende kommen die noch alle in mein Haus, wollen mich überfallen und an mein Geld. Es schüttelt mich.

Vor meinem Grundstück habe ich einen Zaun und Wachtürme für meinen Schutz aufgestellt // CC Miguel González Novo/Wikimedia Commons

Ich sage dem Wachmann, dass sie aufpassen und nur wichtige Gäste hereinlassen sollen. Was mit Menschen sei, die Hilfe benötigen, fragt der zurück? Ich antworte ihm, dass wir dafür die Liste mit den Bedingeungen haben, die jeder erfüllen muss, damit er von mir Hilfe bekommt. Ansonsten kämen noch die hinein, die gar keine Hilfe bräuchten, sondern mir nur ans Leder wollen. Mit mir nicht, ich bin gewappnet für euch Parasiten. So wie ich die Liste gemacht habe, erfüllen sowieso nur noch die wenigsten die Voraussetzungen und können hier rein. Der Rest kann schön da draussen bleiben.

Während ich mit meinem gemachten Sandwich in der Hand wieder auf die Terrasse gehe um meine Lieblingssendung zu hören, stirbt gerade vor meiner Hecke der fünfte Mensch, der aus seinem Haus geflohen ist, um bei mir Hilfe zu bekommen. Es ist weiterhin ein schöner Sommerabend.